A-STILLE FREUDEN
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A-STILLE FREUDEN
KURZGESCHICHTEN VON 12 AUTORINNEN & AUTOREN
UMSCHLAG 4/0 FARBIG
INHALT 4/4 FARBIG, 244 SEITEN
PREIS € 51.56
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Potlatch
Eine Gabe der Freundschaft
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, sagt ein geflügeltes Wort. In seinem klassischen „Sprichwörter-Lexikon“ (1867-1880) überliefert Karl Friedrich Wilhelm Wander dazu eine Anekdote, die dem Philosophen Montesquieu zugeschrieben wird. Er soll diesen Satz benutzt haben, „als sich ein Rath bei ihm mit seinem Kopfe für die Wahrheit einer Sache verbürgte. ‚Ich nehme ihn an’, antwortete er; ‚kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.’“
Nicht erst seit heute steht solches Schenken in oft schlechtem Licht. Zahlreiche Sprichwörter, die davon handeln, verleihen ihm eine anrüchige Bedeutung und bringen die edle Absicht gehörig in Verruf, wie drei klassische Beispiele aus Wanders Lexikon bezeugen:
- „Geschenke machen die Weisen blind.“
- „Grosse Geschenke binden die Gelenke.“
- „Nur durch Geschenke stopft man dem, der beisst, das Maul.“
Demnach sind Geschenke symbolische Zeichen für Unredlichkeit, Bestechung, Korruption. Entsprechend werden sie gerne in Form von Geld oder Dingen entrichtet – als Ausdruck einer Gesellschaft, die sich über ihren materiellen Reichtum definiert. Ob dies ein Zeichen vermehrten Glückes ist, bleibe dahingestellt.
Diese Sicht der Dinge verkürzt ein kulturelles Ritual, mit dem man sich gegenseitig Respekt bezeugt und das in den Grundzügen auch andere, immaterielle Formen des Schenkens kennt. In seinem Essay „Die Gabe“ (Essai sur le don, 1925) erörtert der französische Ethnologe Marcel Mauss die komplexen Beziehungen des Austauschs von Geschenken unter dem Begriff des „Potlatch“. Im Rahmen eines Festes beschenken sich die Menschen gegenseitig, um sich so der gemeinschaftlichen Verbundenheit zu versichern. Die Gemeinschaft wird durch diesen Austausch von Geschenken konstituiert und stabilisiert, über die vordergründigen Absichten der Akteure hinaus. „Jemandem etwas überreichen, heisst, etwas von sich überreichen“, schrieb Mauss. Geschenke verpflichten.
Leider ist der Potlatch im 19. Jahrhundert im Kontext des Kolonialismus aus dem Gleichgewicht geraten und zu dem geworden, was wir heute unter dem Tauschhandel mit eiligst zusammen gekaufter Konfektionsware verstehen: Wer schenkt, will überbieten.
Dies freilich spricht nicht gegen das Schenken an sich, jenseits von Prestige, Konsumwut und Phantasielosigkeit. 1796 schrieb der Dichter Jean Paul in einem Brief an Frau Herder: „Ein Geschenk ist der geistige Wärmemesser des Empfängers. Gibt ihm jenes den Druck der Verbindlichkeit, die Last der Dankbarkeit, so liebt er wenig. Aber die Gabe aus einer geliebten Hand löst alle zarten Ketten auf, und das Herz voll Liebe schlägt ungefesselt freier. Blos in der hohen Freundschaft wird es streitig, was süsser sei, empfangen oder geben.“
Man muss also zu schenken wissen – und ebenso muss man empfangen können.
Eine spezielle Form der immateriellen Bezeugung von Freundschaft und Verbundenheit stellt das vorliegende Buch dar. Ein Illustrator, Raphel Muntwyler, fragt seine Freunde um Kurzgeschichten an, um mit diesen ein bebildertes Buch zu gestalten und produzieren. Geschenk und Gegengeschenk jenseits von Kommerz und Profit.
Auf seine Bitte hin hat Raphael Muntwyler eine schöne Zahl von Texten als Freundschaftsgabe erhalten. Texte, die der Form nach höchst heterogen sind und sich inhaltlich nur locker auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Ein solcher lässt sich am ehesten darin erkennen, dass diese Geschichten allesamt persönliche Erfahrungen, individuelle Erlebnisse, subjektive Wahrnehmungen in Sprache fassen und weitergeben. Etwas überreichen, heisst, etwas von sich überreichen, schrieb der Ethnologe Mauss, und fügte an: „etwas von jemandem annehmen, heisst, etwas von seiner spirituellen Essenz, von seiner Seele annehmen“ – und ihr gerecht werden.
Das vorliegende Buch ist gleichsam das respektvolle Gegengeschenk, das Raphael Muntwyler seinen Autoren und Autorinnen macht. Es schafft einen Mehrwert, indem es die erhaltenen Dinge aufhebt und sie um Illustrationen bereichert. Dabei beweist dieses Buch vor allem eines: in freundschaftlichen Verhältnissen können Geben und Wiedergeben auch Spass und Lust bereiten.
Beat Mazenauer



















